Regina Gregory & Yvonne Hacker

07.4.2015 von Regina Gregory & Yvonne Hacker (Kommentare: 1)

Das Bedingungslose Grundeinkommen -Gastbeitrag von Georg Sorst

@ fotolia kleiner Fisch Team

Wir leben in der Krise. Sie begleitet uns nun schon seit Jahren, ohne dass ein Ende in Sicht ist. An manchen Tagen ist vom Ende der Krise die Rede, gleich darauf folgt schon die nächste Schreckensnachricht. Es ist also genau die richtige Zeit, sich über alternative Wirtschaftsmodelle Gedanken zu machen.

Ein Modell, das in den letzten Jahren zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen hat, ist das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Bisheriger Höhepunkt ist eine erfolgreiche Volksinitiative in der Schweiz, die zu einer Volksabstimmung bezüglich der Einführung 2016 führen wird.


Bedingungsloses Grundeinkommen?


Aber was ist eigentlich das BGE? Der Grundgedanke ist, dass jeder Mensch vom Staat genug Geld erhält, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dieser Betrag wird bedingungslos und regelmäßig ausgezahlt, ohne irgendeine Gegenleistung. So gibt es keinen Zwang mehr, Arbeit aus finanziellen Gründen anzunehmen. Der Verlust der Arbeit, auch aus freier Entscheidung, ist nicht mehr mit Existenzängsten verbunden.


Teilweise wird dies bereits über die Mindestsicherung realisiert. Diese ist aber so ausgelegt, dass sie nur die grundlegendsten materiellen Bedürfnisse deckt, und kann sogar komplett gestrichen werden, wenn eine Arbeit abgelehnt wird. Im Gegensatz dazu ist das BGE bedingungslos und soll konträr zur Mindestsicherung ausreichend sein, um auch an Gesellschaft und Kultur teilhaben zu können.


Die Idee an sich gibt es bereits seit Jahrhunderten, aber viele der heutigen Rahmenbedingungen sprechen nun erstmals für das BGE. Die wichtigsten Punkte sind:

  • Die Produktivität der Gesellschaft steigt ständig, bei gerechter Verteilung gäbe es für alle Menschen in Österreich schon längst genug zu Essen und ein Dach über dem Kopf. Gleichzeitig werden immer weniger Beschäftige dafür benötigt. Das ist eine positive Entwicklung, denn damit sind die Menschen frei, neuen Tätigkeiten nachzugehen. Damit diese aber möglich werden, müssen Unternehmertum und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren gefördert werden.
  • Ständig entstehen neue Tätigkeitsfelder, kaum jemand geht mehr sein ganzes Leben lang dem gleichen Beruf nach. Ob man sich nun mit seinem handwerklichen Hobby selbstständig macht, ins Webdesign einsteigt oder nebenberuflich im Kulturzentrum arbeitet: Menschen wollen sich und ihre individuellen Talente ausprobieren, und jeder Mensch ist dort am Besten, wo er mit Leidenschaft tätig sein kann. Damit dies möglich ist, benötigt es aber finanzielle Sicherheit, die heutzutage nur in eingeschränktem Maß gegeben ist.
  • Eine lebendige Demokratie setzt voraus, dass Menschen ihre Umwelt und Gesellschaft mitgestalten können. Die Arbeit in politischen Organisationen, das ehrenamtliche Engagement im Verein und auch die Teilnahme an einer Demonstration, all das benötigt Zeit. Der dafür notwendige Freiraum hängt erheblich von den verfügbaren finanziellen Ressourcen ab, wodurch materiell schlechter gestellte Bevölkerungsgruppen aktuell weniger Möglichkeiten zur Mitgestaltung haben.


Bei all diesen Punkten kann das BGE zu einer Verbesserung führen: Die großzügige finanzielle Sicherung ermöglicht es den Menschen Neues zu probieren und freie Entscheidungen zu treffen, eine Angst vor Existenzverlust gibt es nicht mehr.


Aber...


Wird dann überhaupt noch jemand Arbeiten gehen, wo es doch keinen finanziellen Anreiz mehr dazu gibt? Stellen Sie sich die Frage einmal selbst: Würden Sie weiterhin arbeiten? Ihre Antwort wird wahrscheinlich “ja” lauten, ebenso bei Ihren Freunden und Bekannten, und damit auch bei der Mehrheit der Gesellschaft. Für die meisten Menschen ist Arbeit einfach ein sinnstiftendes Element, dem sie eigentlich gerne nachgehen.


Die eigentliche Frage ist aber: Stehen Essen, Unterkunft und Freizeit nur Menschen zu, die für Bezahlung arbeiten? Dieser Grundsatz ist in unserer Gesellschaft tief verankert. Ob dies heute, da unsere Grundversorgung gesichert ist, noch gilt, oder ob die Verwirklichung der individuellen Talente und Möglichkeiten ebenso wichtig ist, muss sich jeder selbst beantworten.


Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Finanzierung. Es gibt etliche Ansätze hierzu, die im Wesentlichen auf einem Umbau des Steuersystems beruhen, die Details würden diesen Rahmen sprengen. Viele Studien bejahen die Finanzierbarkeit des BGE, ebenso viele verneinen sie. Es gilt also das Sprichwort:


Wer es nicht will, findet Gründe. Wer will, findet Wege.


Und dann?


Das BGE stellt einen so massiven Umbruch der Gesellschaft dar, dass viele noch offene Fragen sich nur in der Realität beantworten ließen: Brauchen Menschen einen finanziellen Anreiz, um etwas zu leisten? Können sie mit der neugewonnenen Freiheit umgehen? Wie werden Unternehmen in Zukunft geführt? Wissen spätere Generationen dieses Privileg noch zu schätzen?


Bis das BGE eingeführt wird, wenn überhaupt, werden sicherlich noch viele Jahre vergehen. Es ist aber bereits jetzt ein spannendes Thema, um über die Wirtschaftsordnung, die Machtverhältnisse in der Gesellschaft und den Wert von Arbeit und Leben nachzudenken. Dieser Artikel kann hoffentlich ein paar dieser Gedanken anstoßen.


Mehr zum Thema

  • Bedingungsloses Grundeinkommen einfach erklärt (explainity® Erklärvideo)
  • Götz W. Werner - Einkommen für alle
  • Bedingungsloses Grundeinkommen - Ein Kulturimpuls

 

1. Der tatsächliche Betrag steht natürlich noch nicht fest, liegt aber in der Diskussion zwischen 1.200
    und 1.500 € pro Person und Monat
2. https://www.youtube.com/watch?v=VO8qc4Njn28
3. https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/buecher/politik-und-gesellschaft/einkommen-fuer-alle/id_3037496
4. https://www.youtube.com/watch?v=XMXCUMLtb_k

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Kommentar von Katja | 2015-06-24

Dieses Thema spaltet immer noch die Meinungen der Menschen. Ich selbst finde die Grundidee nicht schlecht, glaube aber auch, dass das Ganze hier aktuell bei uns nicht umsetzbar wäre. Jedoch würde so etwas vielen Menschen endlich wieder mehr Lebensqualität bieten. Dies allein ist schon ein Grund, um das Thema nicht einfach beiseite zu schieben.