Dr. Leo Hemetsberger

15.1.2014 von Dr. Leo Hemetsberger (Kommentare: 0)

Nachricht an García - von Elbert Hubbard (1899)

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Im Zusammenhang mit dieser Kuba-Sache gibt es einen Mann, der heraussticht wie der Mars im Perihel.
Als zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten ein Krieg ausbrach, war es dringend notwendig, mit dem
Anführer der Aufständler Kontakt aufzunehmen. García befand sich irgendwo in der Weite der kubanischen
Berge; wo genau, das wusste keiner. Per Post oder über eine telegraphische Mitteilung war er jedenfalls
nicht zu erreichen. Der Präsident musste sich seine Unterstützung sichern, und es bestand aller Grund zur
Eile.


Was kann man in einer solchen Situation tun? Jemand sagte dem Präsidenten: „Es gibt da einen Burschen namens Rowan. Wenn einer García finden kann, dann er!“ Man ließ Rowan kommen und übergab ihm einen Brief, den er García  zu überbringen habe. Wie dieser „Bursche namens Rowan“ den Brief entgegennahm, ihn in einer Öltasche verstaute, die er sich vor die Brust schnürte, innerhalb von vier Tagen nachts auf einem offenen Boot an der Küste von Kuba landete, in den Dschungel verschwand und drei Wochen später auf der anderen Seite der Karibikinsel wieder auftauchte, nachdem er das Feindesland zu Fuß durchquert hatte und García den Brief übergeben hatte, auf all das will ich hier nicht im Einzelnen eingehen.

 

Worauf es mir ankommt, ist folgendes: McKinley übergab Rowan den Brief für García. Rowand nahm den Brief an sich und stellte keine weiteren Fragen. Er fragte nicht: „Wo ist dieser General?“ Was für ein Bursche! Hier haben wir jemanden, dessen Gestalt in Bronze gegossen werden sollte. Seine Statue sollte in jeder Schule dieser Stadt stehen.
Was junge Leute brauchen, sind keine Schulweisheiten aus Büchern, sondern ein stärkeres Rückgrat, das ihnen hilft, loyal zu sein, ohne Zögern zu handeln und ihre Energien auf eine Aufgabe auszurichten, kurzum: García die Nachricht zu überbringen!


General García ist nun tot, aber Garcías gibt es viele. Es gibt niemanden, der ein großes Projekt durchzuführen hatte, bei dem viele Hände gebraucht wurden, und der nicht schier verzweifelt gewesen wäre ob der Dummheit allzu vieler Menschen. Der sich nicht die Haare gerauft hätte, weil sich die Leute nicht auf eine einzige Sache konzentrieren und dabeibleiben konnten oder wollten. Schludrigkeiten, eine Larifari-Einstellung, eine nachlässige Gleichgültigkeit und halbherziges Arbeiten scheinen an der Tagesordnung zu sein. Und so bleibt dem Projektleiter vielfach nichts anderes
übrig, als die Leute auf Biegen und Brechen durch Androhungen zur Mitarbeit zu bewegen oder sie gewissermaßen zu bestechen.


Sie, geschätzter Leser, können dies selbst nachprüfen. Sie sitzen jetzt in Ihrem Büro und sechs Angestellte befinden sich innerhalb Rufweite. Rufen Sie einen davon zu sich und bitten Sie ihn um folgendes: „Sehen Sie bitte in der Enzyklopädie nach und erstellen Sie mir ein kurzes Memo über das Leben von Corregio!“ Wird der Angestellte sagen: „Wird erledigt!“ und sich an die Arbeit machen? Ich wette, dass er das nicht tun wird. Er wird Sie kritisch anschauen und eine oder mehrere der folgenden Fragen stellen:


- Wer ist das denn?
- Welche Enzyklopädie?
- Wo finde ich die Enzyklopädie?
- Fällt das in meinen Aufgabenbereich?
- Meinten Sie vielleicht Bismarck?
- Kann Charlie das nicht machen?
- Lebt der noch?
- Ist das eilig?
- Soll ich Ihnen nicht lieber das Buch bringen und Sie lesen es selbst nach?
- Wozu brauchen Sie diese Information?

 

Und nachdem Sie ihm seine Fragenlitanei beantwortet haben und er weiß, wo er diese Angaben finden kann und warum Sie sie haben wollen, wette ich zehn zu eins, dass der Angestellte dann einen weiteren Mitarbeiter anspricht, damit ihm dieser beim Aufspüren von García behilflich ist. Dann wird er wiederkommen und Ihnen erzählen, dass es keinen Correggio gäbe. Natürlich besteht die Möglichkeit, dass ich diese Wette verliere, aber dies ist eher unwahrscheinlich. Falls Sie klug sind, werden Sie Ihre Zeit nicht damit verschwenden, Ihrem „Assistenten“ zu erklären, dass er Correggio unter dem Buchstaben „C“ findet und nicht unter „K“. Sie werden stattdessen milde lächeln und abwinken: „Ist schon gut!“ Dann machen Sie sich selbst auf die Suche.


Diese Unfähigkeit zu eigenständigem Handeln, diese moralische Dummheit, diese Willensschwäche, diese fehlende Bereitschaft, gerne und von sich aus etwas anzupacken, führt zu einer Anspruchsgesellschaft, bestehend aus Leuten, die ihren Beitrag nicht zu leisten vermögen. Es scheint immer eine Art erster Offizier mit einem gebundenen Halstuch oder die Angst vor dem „blauen Brief“ nötig zu sein. Das hält viele Arbeitnehmer an ihren Arbeitsplätzen. Sie brauchen nur einen Sekretär zu suchen und neun von zehn sind der Rechtschreibung nicht mächtig und können keinen vernünftigen Satz zu Papier bringen; sie halten dies auch nicht für nötig.


Kann eine solcher Mensch García eine Nachricht überbringen? „Sehen Sie den Buchhalter dort?“, fragte mich der Vorarbeiter in einem Großbetrieb. „Ja, was ist mit dem?“ „Nun, als Buchhalter kann ich an ihm nichts aussetzen. Aber wenn ich ihn um eine Erledigung in der Stadt bitte, bringt er mir manchmal zwar das Gewünschte, doch auf dem Weg bleibt er noch in vier Kneipen hängen. Manchmal vergißt er aber auch, warum ich ihn in die Stadt geschickt habe.“ Kann man einem solchen Mann eine Nachricht an García anvertrauen?


In letzter Zeit haben wir viele rührselige Geschichten über die „bedauernswerten Leute in Ausbeutungsbetrieben“ und über „Obdachlose, die eine ehrenwerte Arbeit suchen“ zu hören bekommen. Damit einher gehen manchmal harsche Worte an die Arbeitgeber. Über diesen, den Arbeitgeber, der vorzeitig altert, weil er schludrigen Nichtsnutzen intelligentes Arbeiten beibringen will, hören wir kein Wort. Seine „Hilfskräfte“ widmen sich wieder dem Herumlungern und Nichtstun, kaum dass er ihnen den Rücken zugekehrt hat. Jedes Ladengeschäft und jede Fabrik ist fortwährend dabei, die Spreu vom Weizen zu trennen. Der Arbeitgeber muss immer wieder frisch eingestellte Kräfte wegsenden, weil sie nicht das geringste Interesse am Betrieb zeigen; dann muss er wieder neue suchen. Wie gut die Zeiten auch sein mögen, ist dieses ständige Aussortieren leider nicht zu vermeiden. Wenn die Zeiten schwer sind und die Arbeit knapp ist, wird allerdings etwas feiner gesiebt, doch die Unfähigen und Zu-nichts-zu-Gebrauchenden müssen in jedem Fall gehen. Aus reinem Selbstinteresse kann es sich der Arbeitgeber nur erlauben, die Besten zu behalten - jene, die in der Lage sind, García eine Nachricht zu überbringen. Ich kenne einen durchaus intelligenten Mann, der sich weder auf eigene Füße stellen kann noch anderen einen Nutzen zu bieten vermag. Der Grund ist, dass er ständig davon ausgeht, dass ihn die Arbeitgeber unterdrücken würden oder dies zumindest versuchten. Er kann keine Anweisungen erteilen und auch keine ausführen. Würde man ihm eine Nachricht für García anvertrauen, so würde er sie wahrscheinlich wieder zurückreichen. Dieser Mann befindet sich zur Zeit auf Arbeitssuche. Er geht von Betrieb zu Betrieb und der Wind pfeift durch seinen abgewetzten Mantel. Niemand traut sich ihn anzustellen, denn er ist der Inbegriff der Unzufriedenheit. Gegen die Vernunft ist er immun und das Einzige, was einen Eindruck auf ihn macht, ist ein Tritt mit einem dickbesohlten Stiefel.


Natürlich weiß ich, dass jemand, der moralisch so deformiert ist, nicht weniger zu bedauern ist, wie ein armer Krüppel, doch sollten wir, während wir solche Zeitgenossen bedauern, auch eine Träne jenen widmen, die sich ehrlich darum bemühen, einen Betrieb zu führen, jene, deren Arbeitszeiten nicht um eine bestimmte Uhrzeit enden und deren Haar rasch weiß wird, weil sich sich ständig gegen Gleichgültigkeit, Schludrigkeit, Dummheit und Undankbarkeit zu behaupten haben, obgleich die Personen, die sich dieser Vergehen schuldig machen, ohne ihren Arbeitgeber auf der Straße stünden. Bin ich nun zu hart ins Gericht gegangen? Vielleicht ja.


Aber auch wenn sich die meisten nur so durchmogeln, möchte ich doch ein Wort der Aufmunterung für den Erfolgreichen aussprechen - für denjenigen, der die Kräfte anderer gegen alle Widrigkeiten auf ein Ziel gelenkt hat und der, wenn alles gelungen und vollbracht ist, doch nur froh sein kann, dass es einigermaßen geklappt hat. Ich habe einen Esskübel getragen und für einen Tageslohn gearbeitet und ich war auch Arbeitgeber; ich kann also über beide Seiten sprechen. Armut an sich ist nichts Tugendhaftes, Lumpen sind keine Empfehlung. Es sind keineswegs alle Arbeitgeber rücksichtslos und eigennützig, ebenso wenig wie alle armen Leute tugendhaft sind. Meine Hochachtung gilt demjenigen, der seine Arbeit auch dann vorbildlich erledigt, wenn der Chef abwesend ist.


Wer die Nachricht an García, ohne idiotische Fragen zu stellen und ohne den Hintergedanken, sie in den nächstbesten Abfluss zu werfen oder sie jemand anderem aufzubürden in Empfang nimmt, wird immer gefragt sein. Ein solcher  Mensch braucht nicht für höhere Löhne zu streiken. Die Zivilisation ist eine einzige lange Suche nach solchen Menschen. Was sich ein solcher Mensch wünscht, wird ihm gewährt. Er ist in jeder Stadt und in jedem Dorf, in jedem Büro, Laden und Betrieb, willkommen. Die Welt braucht dringend Leute, die García eine Nachricht überbringen können!

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